Die Einschätzung von Colin&Cie zur aktuellen Marktlage
Am 10. März – wenige Tage nach Ausbruch der Kriegshandlungen im Nahen Osten – hatten wir in einem Beitrag erläutert, warum Colin&Cie trotz steigender Ölpreise, anziehender Zinsen und spürbarer Nervosität an den Aktienmärkten an seiner neutralen Positionierung festhält. Was ist seither an den Finanzmärkten geschehen – und was signalisieren die von Colin&Cie analysierten Vorlaufindikatoren derzeit?

Lagebeurteilung
Die jüngste Entwicklung des Brent-Ölpreises wird im folgenden Chart deutlich. Vor Ausbruch der Eskalation bewegte sich der Preis in einer Bandbreite von 60 bis 70 USD je Barrel. Kurz nach den Angriffen auf den Iran überschritt er die Marke von 80 USD und erreichte in der Spitze rund 120 USD je Barrel. Auslöser waren die Sorgen vor massiven Angebotsstörungen – durch die Blockade der Strasse von Hormus und durch Angriffe auf Produktionsanlagen. Die Hoffnung auf eine Deeskalation – getragen von der Aufnahme diplomatischer Gespräche und der Vereinbarung einer Waffenruhe – hat dem Markt einen Grossteil des Risikoaufschlags genommen. In der Folge fiel der Preis für Brent-Öl zuletzt wieder unter die Marke von 100 USD je Barrel. Die am Terminmarkt gehandelten Preise (rote Sterne) deuten darauf hin, dass nur von einem vorübergehenden deutlichen Anstieg des Brent-Ölpreises ausgegangen wird. Mit einem erwarteten Niveau von rund 80 USD je Barrel auf Sicht von sechs Monaten läge der Preis allerdings weiterhin oberhalb des Vorkriegsniveaus. 
Chart: Brent-Ölpreisentwicklung (Daten: LSEG Datastream)
Die daraus resultierende inflationäre Tendenz zeigt sich in den vom Zinsmarkt abgeleiteten Inflationserwartungen. In der Eurozone (siehe Chart) ist die prognostizierte Teuerung auf Einjahressicht zeitweise auf 4 % p.a. angestiegen, aktuell aber bereits wieder auf 3,2% zurückgekommen. Auch wenn sie sich damit von der Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2 % p.a. entfernt hat, bleibt der Anstieg im Vergleich zur Entwicklung nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs im Jahr 2022 moderat. Damals erreichte die erwartete Teuerung rund 8 % p.a. 
Chart: Inflationserwartungen in der Eurozone (Daten: LSEG Datastream)
Als Hüterin der Preisstabilität wäre die EZB grundsätzlich gehalten, bei dauerhaft hoher Inflation die Zinsen zu erhöhen. In der aktuellen Situation bergen Zinserhöhungen jedoch das Risiko, die Wirtschaft zu bremsen und die Konjunktur zu schwächen. Denn das Problem liegt derzeit nicht in einer übermässigen Nachfrage nach Öl oder Kraftstoffen, sondern im knappen Angebot. Staaten wie Deutschland versuchen deshalb, mit Massnahmen wie der Senkung der Mineralölsteuer die Nachfrage weiterhin hochzuhalten, Unternehmen und private Haushalte zu entlasten und die Konjunktur zu stützen. Nichtsdestotrotz geht der Terminmarkt (siehe Chart) davon aus, dass die kurzfristigen Zinsen in der Eurozone auf Jahressicht ansteigen, wenn auch deutlich weniger stark als anfänglich erwartet. In den USA wird dagegen von leicht fallenden Zinsen ausgegangen, da die heimische Notenbank Federal Reserve (Fed) neben der Preisstabilität auch das Mandat zur Förderung der Vollbeschäftigung hat und aktuell stärker auf die Entwicklung des Arbeitsmarktes achtet – selbst bei steigenden Inflationsraten.
Als vorteilhaft erwies sich unsere Positionierung in mittelfristige Anleihen (5 Jahre). Da die Fünfjahreszinsen in jüngster Zeit weniger stark gestiegen sind als die kurzfristigen Zinssätze und zugleich ein geringeres Risiko bei Zinserhöhungen bergen als langfristige Zinsen, bieten sie inzwischen ein sehr gutes Risiko-Rendite Verhältnis.
Chart: Implizite Zinsentwicklung in der Eurozone (Daten: LSEG Datastream)
Aktienmärkte Die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Kriegshandlungen und wieder gesunkene Ölpreise haben die Risikoaversion der Anleger, die Anfang März noch sehr ausgeprägt war, deutlich reduziert. In der Folge haben sich die Aktienmärkte wieder erholt – mit regionalen Unterschieden. In den USA (siehe Chart) hat der Aktienindex S&P 500, der die grössten börsennotierten Unternehmen des Landes umfasst, nicht nur sein Vorkriegsniveau wieder erreicht, sondern in der Folge sogar ein neues Allzeithoch markiert. Die Börsen der Schwellenländer haben bereits einen Grossteil der Verluste von Anfang März wieder aufgeholt, während die Aktienmärkte in Europa bislang eher moderate Erholungstendenzen aufweisen. 
Chart: Entwicklung des US-Aktienmarktes mit 50- und 200-Tage-Durchschnitt (Daten: LSEG Datastream)
Dass geopolitische Ereignisse meist zu kurzfristigen Rückgängen an den Märkten führen und sich die Kurse oft schneller erholen, als viele Anleger erwarten, zeigt die nachstehende Tabelle zur Entwicklung des S&P 500 in 27 Krisenzeiten. Im Durchschnitt dauerte es rund 18 Tage nach Ausbruch eines Ereignisses, bis der Index seinen Tiefpunkt erreichte, und etwa 39 Tage, bis er wieder auf dem Niveau von vor dem Ereignis lag. Dieses Muster bestätigt sich seit Beginn der militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten am 28.02.2026: Der S&P 500 markierte nach 21 Tagen sein Tief und kehrte bereits nach 31 Tagen auf sein Vorkriegsniveau zurück. 
Tabelle: Entwicklung des S&P 500 bei geopolitische Ereignissen (Daten: LSEG Datastream)
Fazit, Positionierung und AusblickIn Zeiten erhöhter Unsicherheit ist es für professionelle wie private Anleger ratsam, einen kühlen Kopf zu bewahren. Kurzfristige Marktbewegungen sollten nicht zu vorschnellen Entscheidungen verleiten. Eine faktenbasierte Analyse, die sorgfältige Überprüfung der Portfolioausrichtung und das disziplinierte Festhalten an einer langfristigen Anlagestrategie bleiben der verlässlichste Kompass.
Mit unserer laufenden Lagebeurteilung auf Basis von über 250 Indikatoren mit Vorlaufcharakter gewinnen wir bei Colin&Cie die notwendigen Erkenntnisse, um – falls erforderlich – Anpassungen in der Gewichtung der Anlageklassen vorzunehmen. Da entsprechende Signale weder Anfang März noch bis heute (Stand der Publikation: 22. April 2026) vorlagen, sind wir ruhig geblieben und haben bis dato an unserer neutralen Positionierung festgehalten.
Wir beobachten die geopolitische Situation und den Kriegsverlauf weiterhin sehr genau und sind bereit, bei deutlichen Veränderungen unserer Indikatoren entsprechende taktische Anpassungen vorzunehmen. Auch wenn Friedensverhandlungen begonnen haben, der Ölpreis gesunken ist und sich die Aktienmärkte erholt haben, sind die Risiken nicht vollständig verschwunden. Die Märkte bewegen sich weiterhin in einem geopolitischen Hochrisikoumfeld, an dem zahlreiche Staaten beteiligt sind – vom Nahostkonflikt über den Krieg in Osteuropa bis hin zu den strategischen Ansprüchen auf Grönland sowie die politischen Spannungen der USA mit Venezuela und Kuba.
Disclaimer – Rechtlicher Hinweis
Diese Publikation wurde durch das Investment Office der Colin&Cie Gruppe erstellt. Die in diesem Dokument enthaltenen Informationen und Ansichten beruhen auf Quellen, die wir als zuverlässig erachten. Dennoch können wir weder für die Zuverlässigkeit noch für die Vollständigkeit oder Richtigkeit dieser Quellen garantieren. Alle Informationen sowie angegebenen Kurse sind nur zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Publikation aktuell und können sich jederzeit ohne Vorankündigung ändern. Der Inhalt basiert auf zahlreichen Annahmen, die der Meinung der Colin&Cie Gruppe entstammen. Es gilt zu berücksichtigen, dass unterschiedliche Annahmen zu materiell unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Die Prognosen und Einschätzungen sind lediglich zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Publikation aktuell und können sich jederzeit ohne Vorankündigung ändern. Die Wertentwicklung einer Anlage in der Vergangenheit stellt keine Gewähr für künftige Ergebnisse dar. Manche Anlagen können plötzlichen und erheblichen Wertverlusten unterworfen sein. Diese Informationen und Ansichten begründen weder eine Aufforderung noch ein Angebot oder eine Empfehlung zum Erwerb oder Verkauf von Anlageinstrumenten oder zur Tätigung sonstiger Transaktionen. Interessierten Investoren empfehlen wir, ihren persönlichen Berater zu konsultieren, bevor sie auf der Basis dieses Dokumentes Entscheidungen fällen, damit persönliche Anlageziele, finanzielle Situation, individuelle Bedürfnisse und Risikoprofil sowie weitere Informationen im Rahmen einer umfassenden Beratung gebührend berücksichtigt werden können. Bei den in dieser Publikation enthaltenen Informationen handelt es sich um Marketingmaterial, das ausschliesslich zu Werbezwecken verbreitet wird.