Übertriebene Inflationssorgen?

Panik vor steigenden Inflationszahlen und der Ausblick auf stark steigende Leitzinsen dominieren die Tagespresse. Die Einschätzung zu Zinsen und Inflation gehört zu den Grundpfeilern in unserer Lagebeurteilung, da das Zinsniveau entscheidend auf die einzelnen Anlageklassen einwirkt. Wir teilen die aktuellen Befürchtungen nicht und kommen anhand unserer eigenen Bewertungsmodelle zum Schluss, dass es im Verlauf des Jahres zu Entspannungen in der Thematik kommen wird. Somit sehen wir in der aktuellen Situation eine Übertreibung in der Markterwartung und gehen im laufenden Jahr von einem weniger stark ausgeprägten Zinsanstieg und von einem Rückgang der Inflationsdaten aus.

Der Einfluss von Zinsen auf die unterschiedlichen Anlageklassen ist gross: im Bereich der Anleihen beispielsweise direkt auf deren Kursentwicklung, bei Aktien, Rohstoffen und Edelmetallen auf die Bewertung bzw. die Attraktivität der Anlage. Bei Währungen gibt die Zinsdifferenz wichtige Hinweise auf die zukünftige Entwicklung. Unserer Lagebeurteilung zur Zinsentwicklung beinhaltet unter anderem eine Analyse des konjunkturellen Umfeldes, die Einschätzung der Politik der Zentralbanken sowie eine Analyse historischer Zusammenhänge.

Wiederaufnahme des historischen Zusammenhangs zwischen Konjunktur und Zinsniveau

In den Jahren vor der COVID-19 Pandemie bestand ein starker Zusammenhang zwischen der Entwicklung des langfristigen Zinsniveaus und den vorlaufenden Konjunkturindikatoren. Je stärker die Konjunktur, desto höher das Zinsniveau und vice versa. Die Corona-Pandemie hat dieses historische Verhältnis zwischenzeitlich gestört. Wir gehen davon aus, dass die jahrelang bestehende Korrelation zwischen Konjunktur und Zinsniveau mit dem Ende der Pandemie wieder hergestellt werden wird. Somit besteht kurzfristig Potenzial für weiter steigende Zinsen, selbst bei einer sich abschwächenden Konjunktur.

In der Zeit vor der Finanzkrise (2008) haben Zentralbanken hauptsächlich das kurzfriste Zinsniveau bestimmt. Mit der Einführung von Anleihen-Aufkaufprogrammen (Englisch: Quantitative Easing) nach der Finanzkrise gelang es den Zentralbanken, auch Einfluss auf die Zinsen mit längerer Laufzeit auszuüben. Angesichts der nach wie vor soliden Konjunktur und stark steigender Inflationszahlen befürchten Zentralbanken ein Überhitzen der Konjunktur, was sie dazu veranlasst, die Leitzinsen anzuheben und die Aufkaufprogramme zu reduzieren. Die aktuell geplanten Rückführungen dieser Aufkaufprogramme werden somit das Zinsniveau mit beeinflussen.

Inflationssorgen sind nicht berechtigt

Unsere Inflationserwartung ist nicht von Emotionen getrieben und teilt die aktuelle Hysterie nicht, sondern basiert auf den Erwartungen der Teilnehmer am Finanzmarkt. Diese lassen sich aus der Differenz der nominalen Rendite zu den realen Renditen für unterschiedliche Zeiträume berechnen.

Die aktuell sehr hohen Konsumentenpreise veranlassen die Zentralbanken zu einer Erhöhung der Leitzinsen und begünstigen somit zumindest kurzfristig ein höheres Zinsniveau. Ein Teil dieser inflationstreibenden Kräfte, wie zum Bespiel die Produktionsengpässe, sind aber nur von vorübergehender Natur und werden im Verlauf des Jahres zu einem Rückgang der Konsumentenpreise führen. Die langfristige Erwartung der zukünftigen Inflationszahlen (siehe Grafik 3) zeigt ein deutlich tieferes Niveau, verweilt aber oberhalb des von den Zentralbanken gewünschten Levels von 2 Prozent.

Die von uns erwartete konjunkturelle Abkühlung in der zweiten Jahreshälfte sorgt für ein zusätzliches Nachlassen des Zinsdrucks und eröffnet den Zentralbanken die Möglichkeit, von weiteren aggressiven Zinsschritten abzusehen. Die aktuell von den Marktteilnehmern eingepreisten Zinsschritte (mehr als fünf) sind überzogen und sorgen im Verlauf des Jahres auch beim längerfristigen Zinsniveau für Entspannung resp. für einen weniger stark ausgeprägten Zinsanstieg im Vergleich zur aktuellen Markteinschätzung.

Durch eine Angleichung des historisch engen Verhältnisses zwischen Zinsen und Konjunktur muss das Zinsniveau selbst bei einer etwas nachlassenden Konjunktur ansteigen. Wir gehen davon aus, dass die beiden Kurven in den nächsten Monaten «zusammenfinden» werden

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Quelle: Refinitiv Datastream, Colin&Cie

In den USA sind mehr als fünf Zinsschritte in diesem Jahr eingepreist

Anzahl Zinsschritte, abgeleitet aus dem «Fed Funds»-Terminkontrakt für Dezember 2022

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Quelle: Refinitiv Datastream, Colin&Cie

Langfristige Inflationserwartungen

Durchschnittliche jährliche Inflationserwartung für die kommenden 5, 10 und 20 Jahre. Beispiel für 10 Jahre: Zins der 10-jährigen US-Staatsanleihe abzüglich der Rendite der 10-jährigen inflationsgesicherten Anleihe.

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Quelle: Refinitiv Datastream, Colin&Cie

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