Inflation - liegt das Schlimmste hinter uns?
Das Thema Inflation ist in aller Munde. Angesichts der stark gestiegenen Konsumentenpreise und damit verbundenen hohen Inflationszahlen in den meisten Ländern auch verständlich. Bei wesentlichen Treibern wie Energie- und Nahrungsmittelpreise beobachten wir aber eine Trendumkehr. Auch die Reaktion der Notenbanken wird, wenngleich mit Verzögerung, den Inflationsdruck dämpfen. Wir gehen davon aus, dass der Zenit erreicht ist. Aufgrund der Energiekrise in Europa wird sich die Lage mit einer Verzögerung von ein paar wenigen Monaten vergleichbar entwickeln.

Unsere Kernaussagen im Überblick
- Aufgrund gestiegener Konsumentenpreise ist das Thema Inflation in aller Munde
- Die Notenbanken wirken dem Inflationsdruck mit Erhöhung der Leitzinsen entgegen
- Bei wesentlichen Treibern der Inflation (Preise für Energie und Nahrungsmittel) wird eine rückläufige Bewegung einsetzen. Einzig im Bereich Miet- und Immobilienpreise ist der Inflationsdruck anhaltend hoch
- Wir gehen davon aus, dass das Schlimmste hinter uns liegt und der Inflationsdruck nachlassen wird
- Für Europa gelten die gleichen Schlussfolgerungen, allerdings aufgrund der akuten Energiekrise mit einer zeitlichen Verzögerung von ein paar Monaten
Text vom 29. Juni, aktualisiert am 13. September 2022
Die Inflationsentwicklung bestimmt aktuell sehr stark die Kursbewegungen an den Börsen. So hat beispielsweise die Europäische Zentralbank (EZB) an ihrer Sitzung von Anfang September mit ihrer Anhebung der Leitzinsen um 75 Basispunkte auf den jüngsten Inflationsanstieg reagiert.
In den USA sind die Konsumentenpreise mit 8.1% für den Monat August höher als erwartet ausgefallen und haben die Brisanz der Thematik verdeutlicht und die Marktteilnehmer entsprechend nervös reagieren lassen. In unserer Beurteilung der Inflation unterscheiden wir zwischen der Kerninflation und den Einzelkomponenten Energie und Nahrungsmittel.
Grafik: US-Konsumenten-Preisentwicklung mit Unterteilung nach Kerninflation (blau), Energie und Nahrungsmittel
Quelle: Refinitiv Datastream
Die letzte Aktualisierung zeigt in einem historischen Kontext einen sehr hohen Beitrag aller drei Komponenten. Energie weist generell sehr hohe Schwankungen auf, während Nahrungsmittel und die Kerninflation sich relativ stabil entwickeln. Die höher als erwartet ausgefallene Inflationsrate ist auf den Anstieg in der Kerninflation zurückzuführen, welche im Vergleich zu den anderen Komponenten wiedererwarten angestiegen ist.
Unsere Einschätzung
In unserer Analyse zur Inflationsentwicklung stellen wir auf vorlaufende Indikatoren ab. Abgeleitet davon ziehen wir Rückschlüsse auf die kommende Entwicklung der Inflationszahlen und deren Auswirkungen auf die anderen Anlageklassen, allen voran der Zinsen.
Der aktuell sehr hohe Beitrag des Energie-Anteils zum gesamten Konsumentenpreisindex reflektiert eine Jahresveränderung des Rohölpreises von +25%. Aus den Terminmärkten lässt sich die Markterwartung für die kommende Entwicklung des Rohölpreises für die kommenden Monate ablesen. Der Markt geht von einem Rückgang im Rohölpreis aus (rote Sterne im Chart unten), wodurch sich über die Zeit ein abnehmender Inflationsdruck bei der Energieinflation ergibt.
Grafik: Starke Korrelation zwischen Rohölpreis und erwarteter Inflation (von den Anleihenkursen abgeleitet)
Quelle: Refinitiv Datastream, Colin&Cie
Nahrungsmittelpreise weisen historisch einen Vorlauf von drei Monaten zur Inflationsentwicklung auf. Die Preishöchststände liegen gemäss dem Entwicklungsverlauf hinter uns, wodurch sich auch bei den Nahrungsmittel-Komponenten ein abnehmender Inflationsdruck ergibt.
Grafik: Globaler Vergleich zwischen Inflation und den Nahrungsmittelpreisen
Quelle: Refinitiv Datastream
In der Kerninflation spielt die Immobilienpreisentwicklung eine entscheidende Rolle. Diese besitzt einen Vorlauf zur Mietpreiskomponente im Konsumentenpreisindex von 18 Monaten. Da der Immobilienmarkt bis vor kurzem noch sehr stark war, schliessen wir daraus, dass die Kerninflationsrate in den nächsten Monaten noch für Inflationsdruck sorgen wird. Die gestiegenen Zinsen hinterlassen aber im Immobilienmarkt ihre Spuren und die Stimmung hat gedreht. Es machen sich erste Anzeichen für sinkende Kurse breit, wodurch im Verlauf der Zeit der Inflationsruck auch hier an Intensität verlieren wird.
Grafik: Mietpreiskomponente im Konsumentenpreisindex hängt von der Immobilienpreisentwicklung ab
Quelle: Refinitiv Datastream
Die Analyse der Einzelteile des Konsumentenpreisindexes ergibt, dass der Scheitelpunkt im Inflationsanstieg erreicht ist und das Schlimmste hinter uns liegt. Aktuell klingen auch die Zulieferprobleme zusehends ab, welche noch in der ersten Jahreshälfte durch die Corona-bedingten Lockdowns für einen zusätzlichen Inflationsanstieg gesorgt haben.
Wie verhalten sich die Zentralbanken und was sind die Auswirkung auf die Zinsen?
Aktuell gehen wir von weiterhin aggressivem Vorgehen der Zentralbanken aus. Dies, da die mittel- bis langfristigen Inflationsraten über den Zentralbank-Zielwerten von 2% liegen. Somit besteht kurzfristig weiteres Potenzial für steigende Zinsen. Mit der kommenden Abnahme des Inflationsdruckes bis zum Jahresende ergibt sich für Zentralbanken neuer Spielraum in der Inflationsbekämpfung. Dies bringt eine Entspannung am Zinsmarkt und spricht für ein Zinsniveau bei 10-jährigen US-Staatsanleihen zwischen 2 bis 2.5% für die kommenden Monate.
Der in diesem Jahr erfolgte Zinsanstieg bringt Chancen bei Anleihen über deutlich gestiegene Verfallsrenditen. Im Umfeld der gestiegenen Zinsen in diesem Jahr konnten unsere Anleihenstrategien von der strategischen Laufzeitbegrenzung profitieren und im Vergleich zur Peer Group (Anleihenfonds und ETF) eine deutliche «relative Überrendite» erzielen.
Kein Gas mehr in Europa?
Ausbleibende russische Gaslieferungen haben steigende Gaspreise vor allem für Europa zu Folge. Die USA und Asien sind von den steigenden Preisen weniger stark betroffen. Als Konsequenz bleiben die Inflationszahlen in Europa vorerst noch hoch. Die beschriebenen Effekte lassen sich aber analog für Europa anwenden, wodurch sich lediglich eine zeitliche Verzögerung in der Inflationsabnahme von ein paar wenigen Monaten ergibt. Zuversichtlich stimmt uns, dass die Höchstpreise beim europäischen Gas durchschritten sind.
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