Der Krieg in der Ukraine aus humanitärer Perspektive
Das Schweizerische Rote Kreuz leistet humanitäre Hilfe in der Ukraine, um die Menschen mit dem dringendsten zu versorgen und zu vermitteln. Ein Interview von Colin&Cie mit Beatrice Weber, Leiterin Internationale Katastrophenhilfe, über den Einsatz und die Herausforderungen vor Ort.

Unsere Aufgabe als Finanzexperten ist es, aus unseren Einschätzungen Trends und künftige Entwicklungen für unser Handeln abzuleiten. Die wirtschaftlichen Konsequenzen des Krieges spüren Privatpersonen und Unternehmen weltweit inzwischen mehr als deutlich über steigende Energiepreise, höhere Lebenshaltungskosten und eine unsicherere Versorgungslage.
Natürlich bewegt auch uns die humanitäre Sicht auf diesen Krieg und wir haben mit dem Schweizerischen Roten Kreuz über deren Einsatz vor Ort und die damit verbundenen Herausforderungen gesprochen.

Beatrice Weber, Leiterin Internationale Katastrophenhilfe Schweizerisches Rotes Kreuz (SRK)
Frage Colin&Cie: Was sind die Herausforderungen vor Ort in der Ukraine nach den russischen Angriffen?
Antwort B. Weber:
Der Konflikt in der Ukraine hat eine humanitäre Krise ausgelöst, deren Ende nicht abzusehen ist. Millionen Menschen leiden Not, einerseits in den umkämpften Gebieten, anderseits auf der Flucht – sei es in der Ukraine, in den angrenzenden Staaten oder in vielen weiteren Ländern wie der Schweiz.
Die über 7 Millionen von intern vertriebenen Menschen innerhalb der Ukraine stellen eine immense Herausforderung dar. Sie müssen mit dem Lebensnotwendigsten wie Wasser, Nahrung, warme Kleidung und Erste Hilfe versorgt werden. Auch brauchen sie temporäre Unterkünfte. Viele von ihnen haben Traumatisches erlebt und ihre Familien sind auseinandergerissen worden.
Das Ukrainische Rote Kreuz kümmert sich um diese intern vertriebenen Menschen. Es ist mit über 550 Mitarbeitenden und 6000 Freiwilligen rund um die Uhr im Einsatz. 3000 dieser Freiwilligen sind erst seit Ende Februar dem Roten Kreuz beigetreten. Sie sind motiviert zu helfen, müssen aber auch eingeführt und mit den Rotkreuz-Grundsätzen vertraut gemacht werden.
Die Rotkreuz-Grundsätze sind in einer äusserst schwierigen Situation wie dieser von grosser Bedeutung. Denn die Grundsätze ‘Unparteilichkeit’ und ‘Neutralität’ erlauben es der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung innerhalb von Konflikten agieren zu können und sich für die verletzlichsten Menschen einzusetzen.
Um die intern vertriebenen Menschen versorgen zu können braucht es eine gut funktionierende Logistik. Das Rote Kreuz führt Bedarfsanalysen durch; was es wo am dringendsten braucht. Es sorgt dafür, dass die benötigten Hilfsgüter beschafft und vor Ort geliefert werden können.
Frage Colin&Cie: Wo und in welcher Form engagiert sich das SRK in und für die Ukraine?
Antwort B. Weber:
Bisheriges Engagement des SRK:
Das SRK ist seit 2017 in der Ukraine tätig. Es stärkte seine Schwestergesellschaft, das Ukrainische Rote Kreuz, im Bereich «Capacity Building» bei der Mittelbeschaffung. Gemeinsam wurde eine Spendenplattform aufgebaut, mittels welcher substanzielle Beiträge generiert werden konnten. Weiter engagiert sich das SRK beim Aufbau einer Betreuung für ältere Menschen, ähnlich der Spitex in der Schweiz.
SRK-Einsatz im aktuellen Kontext:
Anfang März fragte uns das Ukrainische Rote Kreuz an, ihre Zweigstellen im Westen des Landes in den Bezirken Ternopil und Iwano-Frankiwsk zu unterstützen. Wir entschieden uns ein Team von fünf Spezialisten aus den Bereichen Gesundheit, Logistik und Bargeldhilfe zu entsenden. Aufgrund erster Bedarfsabklärungen unterstützen wir in Iwano-Frankiwsk die Nothilfe für Unterkunft und Gesundheit von Menschen, die innerhalb des Landes auf der Flucht sind. Wir beschaffen 16'000 Betten und Decken für sie.
Das SRK liefert auch medizinisches Material, damit die Spitäler in den beiden Regionen ihre Vorräte aufstocken können. Im Westen des Landes müssen viele intern vertriebene Personen versorgt werden und das Material ist knapp. In Iwano-Frankiwsk planten wir gemeinsam mit dem Ukrainischen Roten Kreuz ein Paket an Hilfsmassnahmen für knapp 90'000 geflüchtete Personen und 111'000 Menschen der lokalen Bevölkerung. Wo immer möglich erhalten die Menschen Bargeldhilfe oder Gutscheine, damit sie einkaufen können, was sie am dringendsten brauchen. Wo nötig werden Hilfsgüter verteilt.
Seit Anfang April ist bereits das zweite Team im Einsatz. Einer unserer Mitarbeiter wird während der nächsten zwei Monate die Nothilfe von 44 nationalen Rotkreuzgesellschaften vor Ort koordinieren.
SRK unterstützt Rotkreuzbewegung:
Gemeinsam mit der Föderation der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) verfolgt das SRK einen multilateralen Ansatz in allen umliegenden Nachbarländern der Ukraine. Das SRK stellt vier seiner erfahrenen Logistik-Experten für die koordinierte Nothilfe der IFRC zur Verfügung. Sie sind in Ungarn, Polen und der Slowakei im Einsatz: Sie sind zuständig für den Transport, die Erfassung und die Lagerung von Hilfsgütern, die von Partnern der Rotkreuz-Bewegung geliefert werden und bereiten die Güter für die Verteilung vor. Weiter unterstützt das SRK die koordinierte Nothilfe der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung finanziell.
SRK unterstützt Geflüchtete in seinem Programmland Moldawien:
In Moldawien unterstützt das SRK die Hilfe für Menschen aus der Ukraine via das Moldawische Rote Kreuz und die langjährige Partnerorganisation Casmed. Diese haben rasch die Suppenküchen, die im Rahmen der Winterhilfe betrieben werden, ausgebaut, um auch Geflüchtete aus der Ukraine mit warmen Mahlzeiten zu versorgen. Auch die Aktivitäten im Blutspendewesen wurden bereits erweitert, um auf die durch die Zuwanderung erhöhte Nachfrage nach Blutprodukten reagieren zu können.
Frage Colin&Cie: Die Ukraine ist bekannt für ihre grosse Getreideproduktion. Die Ernte wird wohl für Weizen in diesem Jahr einen Bruchteil der normalen jährlichen Produktion betragen. Was bedeutet dies für andere Länder?
Antwort B. Weber:
Besonders Länder in Afrika und der Nahe Osten sind abhängig von den Getreidelieferungen aus der Ukraine. Sie müssen das Getreide zu überhöhten Preisen auf dem Weltmarkt einkaufen. Dies gefährdet die Ernährungssicherheit und Gesundheit der Menschen in diesen Ländern. Insbesondere für die Ärmsten wirkt sich das drastisch aus. Man muss davon ausgehen, dass die Armut noch weiter steigen wird. Viele Fortschritte der letzten Jahrzehnte werden dadurch zunichtegemacht. Wir gehen davon aus, dass wir humanitär stark gefordert sein werden.
Frage Colin&Cie: Welche anderen Abhängigkeiten gibt es und welche Länder dürften betroffen sein?
Antwort B. Weber:
Der Konflikt in der Ukraine wird mit grosser Wahrscheinlichkeit auch zu weiteren Krisen in anderen Regionen (naher Osten, Nordafrika, Horn von Afrika, etc.) führen. Die steigenden Rohstoffpreise erhöhen die Lebenshaltungskosten für grosse Bevölkerungsschichten. Teurere Nahrungsmittel können zu Unruhen und auch Hunger führen.
Frage Colin&Cie: Was kommt auf Sie zu?
Antwort B. Weber:
Als Hilfswerk gehen wir davon aus, dass unser Engagement in der Ukraine über mehrere Jahre dauern wird. Auch in anderen Regionen der Welt werden wir stark gefordert sein, da bestehende Krisen durch den Konflikt in der Ukraine noch verschärft werden.
Frage Colin&Cie: Was kann jeder Einzelne dafür tun?
Antwort B. Weber:
Wir können uns für die Geflüchteten engagieren über nachbarschaftliche Hilfen oder bei der Entlastung von Gastfamilien. Wir können warmherzig, offen für sie bleiben. Fehlinformationen, die vor allem in den sozialen Medien kursierten, können wir kritisch begegnen. Viele Menschen hier zeigten sich sehr solidarisch. Sie haben Kleider und Nahrungsmittel gesammelt, die sie uns übergeben wollten. Am effizientesten und effektivsten sind für uns jedoch Geldspenden. Denn sie werden für das eingesetzt, was die betroffenen Menschen in der Ukraine im Moment am dringendsten brauchen.