Auf der Suche nach «Einsame-Insel»-Unternehmen bei kleinkapitalisierten US-Unternehmen
Eine historische Untersuchung der Performance schnell wachsender Firmen im Bereich der kleinkapitalisierten Unternehmen zeigt im Laufe der Zeit höhere Renditen im Vergleich zum Benchmark. Colin&Cie sieht in diesem Marktsegment langfristige Chancen und hält daher einen Teil seiner Vermögensallokation in Unternehmen mit mittlerer und kleinerer Kapitalisierung.
Das derzeitige Umfeld ist jedoch durch geopolitische Herausforderungen, hohe Inflation und steigende Zinsen gekennzeichnet. Die Anleger mögen solche Unsicherheiten in der Regel nicht und reduzieren daher ihr Engagement in Bereichen mit höherem Risiko wie dem Wachstumssegment von kleinkapitalisierten Unternehmen.

Angesichts der aktuellen Marktschwäche haben wir in einem Interview mit Drew Beja, Portfoliomanager bei Granahan und Spezialist für wachstumsorienterte Strategien im US-Markt (US Focused Growth) gesprochen. Wir beleuchten zunächst die jüngste Marktschwäche und deren Auswirkungen auf das Segment der kleinkapitalisierten Unternehmen. Ferner sprachen wir über den Ausblick für die kommenden Monate und schärften unsere längerfristigen Erwartungen.

Drew Beja, Portfoliomanager bei Granahan, Boston, USA
Frage Colin&Cie: 2022 war bisher im Allgemeinen für Aktien ein schwieriges Jahr. Die Inflation sowie die Zinsen steigen und der Krieg in der Ukraine bereitet den Anlegern zusätzliche Sorgen. Was waren die Folgen für die kleineren Unternehmen und insbesondere für das Wachstumssegment?
Antwort Drew Beja:
Wenn die Angst gross ist und die Zinssätze steigen, reduzieren Anleger in der Regel Kleinkapitalisierte- und Wachstumsaktien im Portfolio stärker als in einem Niedrigzinsumfeld. Im Wesentlichen verlangen die Anleger eine höhere Rendite, um die höheren Zinsen und die grössere Unsicherheit hinsichtlich der künftigen Erträge auszugleichen. Da die Erträge kleinerer Unternehmen insbesondere derjenigen, in die wir investieren, schneller wachsen als die der grösseren, haben sich die Indizes der kleinkapitalisierten Unternehmen in diesem Jahr im Allgemeinen schlechter entwickelt als die Indizes grosskapitalisierter Unternehmen.
Frage Colin&Cie: Was macht kleinkapitalisierte US-Unternehmen so besonders und warum sollte man eine Investition in diesem Bereich in Betracht ziehen?
Antwort Drew Beja:
In den USA gibt es viele kleine und mittlere Unternehmen, die trotz ihrer hohen Wachstumsraten in einem durchschnittlichen Portfolio nur einen sehr geringen Anteil ausmachen, da sie in der Analyse zu wenig Beachtung finden. Bei Granahan konzentriert sich die US-Focused-Growth-Strategie auf kleine und mittlere US-Unternehmen, die unserer Meinung nach einzigartige Wachstumsunternehmen sind. Das heisst nicht, dass diese Unternehmen immun gegen Wirtschaftszyklen sind – denn das sind sie nicht. Aber ihre Fähigkeit, hohe Wachstumsraten zu erzielen, liegt in den meisten mittel- und langfristigen Zeiträumen weitgehend in ihren Händen.
Während der 15-jährigen Laufzeit der US-Focused-Growth-Strategie und während meiner gesamten Laufbahn haben wir immer wieder die Vorzüge eines soliden und konsistenten aktiv verwalteten Anlageprozesses, einer gut diversifizierten Anlagestrategie und des Versuchs, auf Market-Timing zu verzichten, gesehen. Wendepunkte an den Märkten sind schwer abzuschätzen, daher ist es wichtig, längerfristige Anlageziele im Auge zu behalten und in guten wie in schlechten Zeiten an dieser Allokation festzuhalten. Den Nachweis liefert eine Gegenüberstellung der absoluten und relativen Renditen einer Strategie im Verlauf der Zeit. Unter diesem Blickwinkel bin ich mit den Renditen zufrieden, die wir für unsere US-Focused-Growth-Kunden seit der Einführung im Jahr 2007 erzielen konnten.
Frage Colin&Cie: Gibt es aus der Sicht eines Investors irgendeinen Grund zur Besorgnis?
Antwort Drew Beja:
Der legendäre Investor Warren Buffett rät: «Sei ängstlich, wenn die Anleger gierig sind, und gierig, wenn die Anleger ängstlich sind.» Die letzten zehn Monate waren zwar eine harte Zeit für Wachstumsaktien, aber solche Abschwünge sind üblich. Der beigefügten Grafik (siehe weiter unten) lässt sich entnehmen, dass Perioden mit starken Abschwüngen und hoher Volatilität während der gesamten Laufzeit der Strategie immer wieder vorgekommen sind. So z. B. während der Finanzkrise im Jahr 2008 oder kürzlich während der COVID-19-Pandemie im Jahr 2020.
So sind wir trotz der jüngsten Volatilität der Meinung, dass die Unternehmen, in die wir investieren, fundamental gut aufgestellt sind und ausgezeichnete langfristige Aussichten haben. Inzwischen sind auch die Bewertungen deutlich gesunken, und die erwartete Rendite des Portfolios in den kommenden Jahren ist überzeugend.
Frage Colin&Cie: Was ist die «US Focused Growth»-Strategie von Granahan? Ihre Anlagephilosophie konzentriert sich offensichtlich auf langfristige Investment-Perlen - oder wie Sie es nennen «Einsame-Insel»-Unternehmen?
Antwort Drew Beja:
Wir suchen insbesondere nach Unternehmen, die unserer Meinung nach «würdig für eine einsame Insel» sind. Das heisst, wenn man für 5-10 Jahre auf eine einsame Insel gehen würde, wären diese Unternehmen nach der Rückkehr viel, viel grösser. Im Rahmen unserer Strategie wurden Unternehmen wie Tesla, Shopify, LinkedIn und Concur in ihrer Anfangszeit als börsennotierte Unternehmen erworben.
Frage Colin&Cie: Ist das derzeitige Umfeld einzigartig oder gibt es historische Präzedenzfälle? Wenn die Geschichte als Richtschnur dient, welche Schlussfolgerungen/Erwartungen lassen sich dann für die Zukunft ziehen?
Antwort Drew Beja:
Der Schriftsteller Mark Twain soll gesagt haben: «Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich». Das Gleiche könnte man auch über die Psychologie der Anleger sagen, insbesondere in Bezug auf Wachstumsaktien.
Ich analysiere und investiere in kleine sowie mittelgrosse Unternehmen seit 1985. Wie in der untenstehenden Grafik zu sehen ist, hat die Focused-Growth-Strategie seit Einführung sieben bedeutende Abschwünge erlebt. Dabei handelte es sich um Zeiträume, in denen die Ängste der Anleger überhandnahmen, ähnlich wie in der aktuellen Situation. Und obwohl sich diese Ängste nicht unbedingt wiederholen, treten sie in vergleichbarer Weise immer wieder auf. Solche Perioden kommen vor, gehen aber vorüber. Aktuell reflektieren Wachstumsaktien die bestehenden Ängste und Befürchtungen weitestgehend. Wenn man sich an der Geschichte orientiert, bietet das derzeitige Umfeld eine hervorragende Gelegenheit, aus den vielversprechenden langfristigen Aussichten Kapital zu schlagen.
Frage Colin&Cie: Es gibt keine Kristallkugel, mit der man die Zukunft vorhersagen kann, aber was ist im Bereich der kleinen Unternehmen zu erwarten und wie sieht Ihre Strategie für die nächsten Monate/Jahre aus?
Antwort Drew Beja:
Richtig. Keiner von uns hat die magische Kristallkugel, um die Zukunft vorherzusagen. Glücklicherweise erfordern unsere Philosophie und unser Prozess das auch nicht von uns. Wir erwarten, dass kleine und mittlere Wachstumsunternehmen in den kommenden Jahren einen viel grösseren Anteil an der Gesamt-Wirtschaftsleistung einnehmen werden.
Kurzfristig gehen wir gehen davon, dass die Wahrscheinlichkeit einer Rezession oder eines Konjunkturrückgangs gestiegen ist (sofern wir uns nicht bereits in einer solchen befinden), was wir in unsere Bewertungsanalyse einbeziehen.
Heute haben wir auf der einen Seite höhere Zinsen und einen trüberen makroökonomischen Ausblick, auf der anderen Seite aber einen deutlichen Rückgang der Bewertungen. Alles in allem glaube ich, dass die erwarteten Renditen für unsere Focused-Growth-Strategie attraktiv sind. Das soll nicht heissen, dass Aktien nicht noch tiefer fallen können. Aber wir sind überzeugt, dass sich die Beimischung von kleinkapitalisierten Unternehmen bei Aktien in ihrer strategische Vermögensaufteilung (langfristig) auszahlt.
