Massive US-Zölle auf Schweizer Exporte und ihre Folgen
Vor Inkrafttreten der neuen US-Zollregelungen wurde zwischen den USA und ihren Handelspartnern hart verhandelt. Während die EU einen Zollsatz von 15 % vereinbaren konnte, trifft es die Schweiz mit 39 % besonders schwer. Der Blick auf den Schweizer Markt zeigt jedoch, dass Kurzschlussreaktionen zu vermeiden sind und sich stattdessen - wie bei Colin&Cie praktiziert –eine langfristige, faktenbasierte Analyse und Strategie lohnt.

Die US-Zolleinführung - Zeitlicher Ablauf
Anfang Februar zeigte sich die Schweiz noch optimistisch, einen Handelskonflikt mit den USA abwenden zu können – nicht zuletzt, da sie selbst keine Zölle auf US-Waren erhebt und zu den grössten Investoren in den Vereinigten Staaten zählt. Doch im März wurde die Schweiz von Washington auf eine Liste mit „unfairen Handelspraktiken“ gesetzt. Am sogenannten «Liberation Day» Anfang April verhängte Präsident Trump hohe Zölle gegen fast alle Handelspartner. Für die Schweiz betrug der Satz zunächst 31 %, deutlich mehr als die 20 Prozent für die EU. Als die Massnahmen kurz darauf für 90 Tage ausgesetzt wurden, arbeitete die Regierung in Bern an einer bilateralen Lösung. Während sich die EU Ende Juli einen Zollsatz von 15 % sichern konnte, lehnte Washington das Schweizer Angebot als unzureichend ab. Am 1. August, dem eidgenössischen Nationalfeiertag, verkündete Trump schliesslich: Ab dem 7. August gelten 39 % Zoll auf Importe aus der Schweiz. Es ist einer der höchsten Zollsätze der USA weltweit.
Kurzfristige Auswirkungen auf die Finanzmärkte
Während der Schweizer Aktienindex – Swiss Market Index (SMI) – nach dem sogenannten „Liberation Day“ noch schockartig mit Verlusten reagierte, fiel die Reaktion der Börsenteilnehmer auf die endgültige Zollentscheidung vom 1. August überraschend verhalten aus. Trotz der zunehmenden Belastung für exportorientierte Schweizer Unternehmen – neben dem hohen Zollsatz hat der Franken gegenüber dem US-Dollar seit Jahresbeginn um 11 % aufgewertet – blieben die Bewegungen am Aktien- und Währungsmarkt gering, wie die beiden folgenden Charts zeigen.Wöchentliche Entwicklung des Schweizer Aktienindex (SMI) - Quelle: LSEG Datastream, Colin&Cie
Wöchentliche Entwicklung des Währungspaares USD/CHF - Quelle: LSEG Datastream, Colin&Cie

Für das beobachtete Marktverhalten lassen sich folgende Gründe anführen:
1. Der dreitägige Börsenstillstand aufgrund des Feiertags und des anschließenden Wochenendes verschaffte dem Schweizer Aktienmarkt eine Atempause. Die Lage konnte umfassend analysiert und der Einfluss auf die Unternehmen abgewogen werden. Zudem konnte in dieser Zeit der unmittelbar kommunizierte Entschluss des Schweizer Bundesrates, die Gespräche mit den USA fortzusetzen und rasch einen reduzierten Zollsatz anzustreben, beruhigend auf die Marktteilnehmer wirken.
2. Die Auswirkungen der neuen Zölle sind sektoral begrenzt: So werden sie ausschliesslich auf Güter erhoben, wodurch der traditionell starke Schweizer Dienstleistungssektor – insbesondere Banken und Versicherungen – unberührt bleibt. Auch die Gesundheitsbranche ist von den Massnahmen ausgenommen. Zudem sind Schweizer Unternehmen, die bereits Produktionsstandorte in den USA betreiben, nicht betroffen.
Mittelfristige Auswirkungen auf die Finanzmärkte
Unter Berücksichtigung der genannten Ausnahmen unterliegen mehr als 60 % der im Swiss Market Index gelisteten Unternehmen nicht den neuen US-Zollregelungen. Dazu zählen unter anderem die Sektoren Gesundheit (Health Care), Banken und Versicherungen (Financials) sowie die auf den Binnenmarkt fokussierten Unternehmen im Bereich Kommunikation (Communication) und Immobilien (Real Estate).
Gewichtete Zusammensetzung des Schweizer Aktienindex nach Sektoren - Quelle: LSEG Datastream, Colin&Cie

Zu den von den Zöllen in unterschiedlichem Ausmass belasteten Sektoren zählen unter anderem die Uhren- und Schmuckindustrie – für welche die USA zu den dynamischsten Absatzmärkten gehören – sowie der Maschinenbau und die Schokoladenproduktion. Viele börsennotierte Schweizer Unternehmen produzieren bereits heute direkt in den USA, um den lokalen Markt zu bedienen und sich gleichzeitig vor Handelsbarrieren zu schützen. Dazu zählen unter anderem die im SMI gelisteten Konzerne Nestlé (Nahrungsmittel), Roche (Gesundheit), Novartis (Gesundheit) und Sika (Chemie). Auch weitere börsennotierte Schweizer Unternehmen setzen auf US-Produktionsstandorte – etwa Tecan (Labortechnik), Stadler Rail (Schienenfahrzeuge) und Lindt & Sprüngli (Schokolade).
Es ist davon auszugehen, dass Unternehmen mit starker Marktstellung bestrebt sind, ihren hohen Qualitätsanspruch zu wahren. Diese Positionierung sollte es ihnen ermöglichen, neue Zölle durch Preisanpassungen an die Endkunden weiterzugeben. Mit einer Gewinnerwartung von +3,2 % in der Schweiz gegenüber –1,1 % in Europa zeigen die im SMI gelisteten Unternehmen weiterhin eine robuste Perspektive. Auch die Bewertung (Kurs-Gewinn-Verhältnis) von Schweizer Aktien bleibt attraktiv.
Erwartete Unternehmensgewinne (Jahresveränderungen, Gewinnwachstum in %) - Quelle: LSEG Datastream, Colin&Cie

Die exportorientierte Schweizer Wirtschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten stets durch Flexibilität und Anpassungsfähigkeit auf externe Belastungen reagiert. Ein prägnantes Beispiel ist der historisch starke Schweizer Franken, der seit dem Jahr 2000 gegenüber dem Euro um nahezu 60 % aufgewertet hat – eine Entwicklung, die viele Unternehmen erfolgreich zu meistern wussten.
Folgende Effekte der neuen US-Zölle dürften sich in der 2. Jahreshälfte bemerkbar machen:
Inflation: Höhere Preise für Schweizer Produkte in den USA wirken sich nicht auf die Preisentwicklung in der Schweiz aus, sondern lassen die Inflation in den Vereinigten Staaten ansteigen.
Konjunktur: Ein Rückgang der US-Exporte könnte das Wirtschaftswachstum bremsen, die Investitionsbereitschaft Schweizer Unternehmen dämpfen und mittelfristig zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen.
Zinsen: Als Reaktion auf die umfangreichen US-Zölle könnte die Schweizerische Nationalbank (SNB) bei ihrer nächsten Sitzung am 25. September eine Zinssenkung in Erwägung ziehen. Gegen einen solchen Schritt in den Negativbereich sprechen jedoch nicht zu unterschätzende Risiken: Dazu zählen eine mögliche Überhitzung des Immobilienmarkts sowie zusätzliche Belastungen für die Finanzierung der Altersvorsorge. Zudem bestünde die Gefahr, dass eine Zinssenkung der SNB von den USA als Marktmanipulation interpretiert wird, was die Verhandlungen über einen moderateren Zollsatz zusätzlich belasten könnte.
Fazit
Die seit Monaten mit den USA geführten Verhandlungen hat für die Schweiz zu einem sehr unerfreulichen Ergebnis geführt. In einem bereits anspruchsvollen Umfeld sind die Herausforderungen für die Unternehmen noch grösser geworden. Erfreulicherweise haben die Marktteilnehmer jedoch bemerkenswert gelassen auf die jüngste Zollankündigung reagiert. Dank der sektoralen Struktur des Schweizer Marktes bleiben die Schlüsselbranchen weitgehend unberührt. Auch die soliden fundamentalen Daten – etwa in Bezug auf Gewinne, Bewertungen und das Zinsumfeld – sowie die bewährte Fähigkeit der Schweizer Wirtschaft, externe Belastungen zu bewältigen, sprechen dafür, dass auch dieser „Schock“ verkraftet werden kann. Nicht zuletzt besteht weiterhin die berechtigte Hoffnung, dass sich die US-Regierung in einem nächsten Schritt doch noch zu einem moderateren Zollansatz bewegen lässt.Unabhängige Analysen von Colin&Cie
Bei unserer «Analyse zu den Auswirkungen der massiven US-Zölle auf die Schweizer Wirtschaft» handelt es sich um eine «unabhängige Research Note». Sie hat zum Ziel, Kunden wie Nicht-Kunden wertfrei und nachvollziehbar über die aktuelle Entwicklung des Aktienmarktes zu informieren sowie eine Einschätzung auf Sicht der nächsten sechs Monate zu geben. Für die Bewertung von Finanzmärkten und Anlageklassen greifen wir auf historische Wirtschaftsdaten, eigene Bewertungsmodelle und über 250 Indikatoren mit objektiv messbaren Kriterien zurück. Mit diesem rein faktenbasierten Vorgehen grenzen wir uns als unabhängiger Vermögensverwalter bewusst von subjektiven oder nicht verifizierbaren Prognosen infolge medialer oder sonstiger Einflussnahmen ab.Disclaimer – Rechtlicher Hinweis
Diese Publikation wurde durch das Investment Office der Colin&Cie Gruppe erstellt. Die in diesem Dokument enthaltenen Informationen und Ansichten beruhen auf Quellen, die wir als zuverlässig erachten. Dennoch können wir weder für die Zuverlässigkeit noch für die Vollständigkeit oder Richtigkeit dieser Quellen garantieren. Alle Informationen sowie angegebenen Kurse sind nur zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Publikation aktuell und können sich jederzeit ohne Vorankündigung ändern. Der Inhalt basiert auf zahlreichen Annahmen, die der Meinung der Colin&Cie Gruppe entstammen. Es gilt zu berücksichtigen, dass unterschiedliche Annahmen zu materiell unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Die Prognosen und Einschätzungen sind lediglich zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Publikation aktuell und können sich jederzeit ohne Vorankündigung ändern. Die Wertentwicklung einer Anlage in der Vergangenheit stellt keine Gewähr für künftige Ergebnisse dar. Manche Anlagen können plötzlichen und erheblichen Wertverlusten unterworfen sein. Diese Informationen und Ansichten begründen weder eine Aufforderung noch ein Angebot oder eine Empfehlung zum Erwerb oder Verkauf von Anlageinstrumenten oder zur Tätigung sonstiger Transaktionen. Interessierten Investoren empfehlen wir, ihren persönlichen Berater zu konsultieren, bevor sie auf der Basis dieses Dokumentes Entscheidungen fällen, damit persönliche Anlageziele, finanzielle Situation, individuelle Bedürfnisse und Risikoprofil sowie weitere Informationen im Rahmen einer umfassenden Beratung gebührend berücksichtigt werden können. Bei den in dieser Publikation enthaltenen Informationen handelt es sich um Marketingmaterial, das ausschliesslich zu Werbezwecken verbreitet wird.